Auf Jakobs Wegen. Medieval Pilgrimage to Santiago
Ensemble für frühe Musik, Augsburg





medieval.org
Christophorus CHR 77264

2003




DER ABSCHIED. Deutschland

1. Ad te levavi animam meam  [2:28]
Gregorianischer Introitus zum 1. Advent | Gesang JG, RH, HG, HS

2. In gotes namen fara wir  [0:58]
Pilgerlied (13.-15.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS
Mel.: Heinrich FINCK, Schöne außerlesene Lieder, Nürnberg 1536
Text: München, Bayerische Staatsbibliothek cgm 444, 1422


3. Ich war dohin  [3:46]
1-stg. Lied (15.Jh) | Gesang RH, Laute
Lochamer Liederbuch, Berlin
Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.mus.40313, ca. 1455


4. Wer das elent bawen wel  [1:33]
Pilgerlied (13.-15.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS, Laute
Musik: Georg FORSTER, Lieder Bd.V, Nürnberg 1556
Text: München, Bayerische Staatsbibliothek cgm 809



DER WEG. Frankreich

5. Veni sancte spiritus ~ Veni pater divine  [5:08]
2-stg. Motetus, 14.Jh. | Gesang JG, RH, HG, HS, Fidel, Flöte, Laute
London, British Museum, add.27630 – Colmar, Bibliotheque de la ville, Cod.352
Florenz, Biblioteca nazionale, BR 19 (Oberstimme) – Engelberg, Stiftsbibliothek, Cod.314


6. In gotes namen fara wir  [0:58]
(II) | Gesang JG, RH, HG, HS

7. L'amour dont sui espris  [6:32]
Marienlied von Gautier de COINCI (13.Jh.) | Gesang RH, Flöte, Fidel
Miracles de Notre Dame, Paris, Bibliotheque nationale, fr.1536


8. Da Mariae tympanum  [1:39]
1-stg. Hymnus von Petrus ABÆLARDUS (1079-1142) | Gesang JG, RH, HG, HS
Text: Petri Abælardi Hymnarius Paraclitensis
Musi: Firenze, Bibl. Med.-Laur., Cod. Plut. 29,1 (Notre-Dame Hs. F, 13.Jh.)


9. La tierche Estampie Roial  [2:25]
1-stg. Instrumentalstück (13.Jh.) | Schalmei, Schlagwerk
Paris, Bibliothèque nationale, fr.844



DER WEG. Aquitanien

10. Uterus hodie  [4:03]
1-stg. Versus (12.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS, Harfe
Paris, Bibliothèque nationale, lat.3719


11. Sion plaude  [2:54]
1-stg. Versus (12.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS, Fidel, Laute, Schalmei
Paris, Bibliothèque nationale, lat.3719


12. Ecce letantur omnia  [4:11]
1-stg. Lied (12.Jh.) | Gesang RH, Fidel, Schalmei, Schlagwerk
Paris, Bibliothèque nationale, lat.3719


13. In gotes namen fara wir  [1:02]
(III) | Gesang JG, RH, HG, HS


DIE ANKUNFT. Spanien

14. Wer daz elent bawen wel  [1:48]
(II) – Instrumentalimprovisation | Fidel, Flöte, Laute

15. Ben pode Santa Maria  [4:40]
aus Cantigas de Santa Maria (13.Jh.), El Escorial, Cod.j.b.2   CSM 189
Gesang RH, HG, JG, HS, Fidel, Schlagwerk



AM ZIEL. Santiago de Compostela

16. Wer daz elent bawen wel (III)  [1:34]
(III) | Gesang JG, RH, HG, HS

17. Congaudeant catholici  [3:05]
3-stg. Benedicamus-tropus (12.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS
Codex Calixtinus, Santiago de Compostela, Kathedralbibliothek
  cc 96

18. Dum pater familias  [4:30]
1-stg. Lied (12.Jh.) | Gesang JG, RH, HG, HS
Codex Calixtinus, Santiago de Compostela, Kathedralbibliothek
  cc 117



#8:
Der Text des Hymnus bezieht sich einerseits auf Miriam (= Maria), Schwester des Aaron und Halbschwester von Moses in Exodus 15,20: Als die Israeliten die wunderbare Durchquerung des Roten Meeres und damit ihr Entkommen vor den ágyptischen Verfolgern feierten, zog Miriam tanzend und Tamburin spielend vor den übrigen Frauen her; andererseits au! Maria (=Miriam) Magdalena, die „andere" der 3. Strophe. Ihr war der auferstandene Jesus als erster erschienen (Joh.20,11-18).

#17:
Dieses Pilgerlied ist ein Nachtrag im musikalischen Teil des „Codex Calixtinus“. Nach der 2. Strophe ist ein althochdeutsch / provenzalisches Textbruchstück eingeschoben, das den Rest eines älteren Pilgerliedes darstellt. Wegen seiner schließenden Wirkung stellen wir diesen Einschub an den Schluss des Liedes.



Produzent: Hanno Pfisterer
Aufnahme: 14.-16.4.2003, Klosterkirche St.Stephan, Augsburg
Tonmeister & Schnitt: Hieronymus Cavalli (Cavalli-Records, Bamberg)
Übersetzungen: English · J & M Berridge (English)
Redaktion: Joachim Berenbold
Gestaltung: Manfred Glaser
℗+© 2003 MusiContact GmbH, Heidelberg, Germany




English liner notes



Ensemble für frühe Musik, Augsburg

Jörg Genslein, Gesang (JG)
Rainer Herpichböhm, Gesang (RH), Laute, Harfe
Hans Ganser, Gesang (HG), Flöte, Schlagwerk
Heinz Schwamm, Gesang (HS), Fidel, Schalmei


Das ensemble für frühe musik augsburg wurde 1977 gegründet und zählt heute, nach Jahren intensiver musikwissenschaftlicher und musikalischer Arbeit, zu den bekanntesten Gruppen für Musik des Mittelalters. Zahlreiche Konzerte in ganz Europa und bei internationalen Festivals für Alte Musik sowie Schallplatten-und Rundfunkaufnahmen begründen diesen Ruf. Die Musiker widmen sich unter Einsatz eines umfangreichen Instrumentariums der Musik des Mittelalters und der frühen Renaissance. Das Repertoire erstreckt sich von den Liedern der Trobadors, Trouvéres und Minnesänger bis Oswald von Wolkenstein, von den Anfängen der abendländischen Mehrstimmigkeit bis Heinrich Isaac. So liegen u.a. Einspielungen von Liedern der Minnesänger Neidhart von Reuental (1180-1240) und Oswald von Wolkenstein (1377-1445) sowie der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1176) vor. Doch scheut das „ensemble“ auch nicht einen „Ausflug“ über die Grenzen des Mittelalters mit Liedern und Tänzen aus dem Europa um 1500. Grundlage der Arbeit bildet das musikwissenschaftliche Studium der Quellen, doch kann dies nur ein Ausgangspunkt sein. Im Vordergrund der musikalischen Überlegungen steht die Idee, Musik von Gestern für Leute von Heute zu machen, d.h. das Publikum mit „Phantasien über mittelalterliche Musik“ (Dieter Kühn) zu fesseln und zu begeistern. Die großen Erfolge des Ensembles bestätigen diese Konzeption-einen Dreiklang von breitgefächertem Repertoire, musikwissenschaftlicher Akribie und, nicht zuletzt, dem Mut, „einen mittelalterlichen Song auch recht swingen zu lassen“.








AUF PILGERFAHRT ZU SANKT JAKOB

von Klaus Herbers

„... e Ultreia, e suseia, Deus aia nos“, „und vorwärts, aufwärts, Gott helfe uns“ so heißt es in einem der ältesten Lieder aus dem 12. Jahrhundert, das nur mit einigen Neumen zur melodischen Gestaltung wohl in Santiago de Compostela, dem wichtigen Pilgerort im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, aufgezeichnet wurde. Dieses Lied Dum pater familias [18] spricht auch von einem „Herru Sanctiagu“, hat also Worte aus dem germanischen Bereich aufgegriffen. Santiago de Compostela, der angebliche Grabesort des Apostels Jakobus des Alteren, war zu dieser Zeit schon ein wichtiges europäisches Pilgerziel geworden. Wie kam es zu dieser europäischen Bedeutung, wie lassen sich die Nöte, Freuden und Wege der Pilger im Mittelalter, von denen auch die überlieferten Lieder künden, näher charakterisieren? Was bedeutete das Pilgerziel Santiago de Compostela für sie?


Eine folgenreiche Entdeckung

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts soll es im Nordwesten der Iberischen Halbinsel zur Entdeckung eines Grabes gekommen sein. Ein Eremit Pelagius, von himmlischen Zeichen geleitet, fand ein Grab, das man mit demjenigen des Apostels Jakobus des Alteren gleichsetzte. Lange Zeit war es allgemeine Meinung gewesen, dass Jakobus - wie in der Apostelgeschichte berichtet -44 n.Chr. in Jerusalem enthauptet worden und anschließend Inder dortigen Umgebung begraben worden sei. Seitdem die Iberische Halbinsel 711 von Muslimen erobert worden war, gab es jedoch zunehmend Stimmen, die davon berichteten, Jakobus habe zu Lebzeiten auf der Iberischen Halbinsel missioniert, wie das schon zitierte Lied Dum pater familias später thematisiert: Von den verschiedenen Provinzen sei Jacobus Spanien („Iacobus Hispanias“) zugeschrieben worden. Damit gewann der Apostel Jakobus in den christlich gebliebenen Reichen im Norden Spaniens als eine neue Identifikationsfigur zunehmend an Bedeutung. Hieraus ergab sich schon bald die Konsequenz, dass Jakobus in der Provinz, wo er missionarisch gewirkt habe, auch beigesetzt worden sei. Sein Leichnam sei auf wunderbare Weise mit einem Schiff nach Galicien überführt worden.

Die Kunde über das von Pelagius entdeckte Jakobusgrab verbreitete sich schnell in West- und Mitteleuropa, vor allem durch die für die Liturgie wichtigen sogenannten Martyrologien (Märtyrer- und Heiligenverzeichnisse). An den Gräbern der Heiligen erwarteten die Gläubigen im Mittelalter Heil und Heilung: die Vergebung von Sünde und Schuld, aber auch Heilung von körperlichen Gebrechen. Wenn dies für unzählige Heiligengräber galt, dann ganz besonders für ein Apostelgrab!

Obwohl der Ort für die meisten Pilger weit entfernt lag, sind ab dem 10. Jahrhundert die ersten namentlich belegten Besucher des Jakobusgrabes aus West- und Mitteleuropa zu verzeichnen. Die europäische Ausstrahlung nahm stetig zu, wurde jedoch zu Beginn des 12. Jahrhunderts nachhaltig gefördert. Der äußerst ehrgeizige Bischof Diego Gelmírez von Compostela machte im Zusammenhang mit der Neuordnung der Kirchenstruktur mit den Apostelreliquien Politik und erreichte unter anderem die Erhöhung seines Sitzes zum Erzbistum. Außerdem wurde in dieser Zeit eine Erzählung aufgezeichnet, wonach Karl der Große der erste Besucher des Apostelgrabes gewesen sein soll. Diese Geschichte, hundertfach während des Mittelalters kopiert, verlieh dem Pilgerort einen altehrwürdigen und zugleich europäischen Charakter. Die Erzählung, die angeblich Erzbischof Turpin von Reims (deshalb Pseudo-Turpin) aufgezeichnet haben soll, wurde in ein wichtiges Sammelwerk, den sogenannten Liber Sancti Jacobi (oder Codex Calixtinus) aus dem 12. Jahrhundert aufgenommen. Hinzu traten Abschnitte zur Liturgie, Wundererzählungen und auch ein Buch zu den Wegen nach Santiago, als einer der frühesten Pilgerführer bezeichnet.


Pilgerfahrten - Pilgerwege - Pilgerführer

Die für die meisten Pilger entfernte Lage Compostelas brachte es mit sich, dass bei diesem Heiligengrab auch der Weg besonders wichtig wurde, wie der fünfte Teil des sogenannten Jakobusbuches, der Pilgerführer, verdeutlicht. Aber auch die Predigten dieses Buches und andere Zeugnisse erlauben es uns, eine Pilgerfahrt aus Mitteleuropa bis nach Santiago nachzuvollziehen.

Abschied und Aufbruch bedurften einer ausführlichen Vorbereitung. Eine Predigt des Jakobsbuches vermerkt:

Rechtmäßig begibt sich zum Heiligtum des hl. Jakobus, wer vor Beginn seiner Reise denen, die ihm Unrecht zugefügt haben, vergibt, wer alle Vorwürfe, die andere oder sein Gewissen ihm machen, möglichst beilegt, wer von seinen Geistlichen, seinen Untergebenen, seiner Frau oder mit wem er sonst verbunden ist, eine rechtmäßige Erlaubnis einholt, wer, wenn möglich, zurückgibt, was er unrechtmäßig besaß, wer Meinungsverschiedenheiten in seinem Herrschaftsbereich bereinigt, wer die Buße aller annimmt, wer sein Haus in Ordnung zurückläßt und über seine Güter nach Rat seiner Verwandten sowie Priester als Almosen für seinen Todfall verfügt.

(Klaus Herbers, Der Jakobsweg, S.84f.)

Die Gefahren der Reise führten meist auch dazu, zuvor ein Testament zu machen, von denen einige erhalten sind.

Außerdem galt es aber auch, für die richtige Ausstattung zu sorgen: Hut, Mantel, Flasche und Stab, aber auch gutes Schuhwerk gehörten hierzu, wie das Lied Wer daz elent bawen wel [4], das im 15. Jahrhundert aufgezeichnet wurde, in den Anfangsstrophen eigens vermerkt.

Da die Rückkehr ungewiss war, musste man sich dem Willen und dem Segen Gottes anvertrauen, das Lied In gotes namen fara wir [2], das wohl vor allem von Kreuzfahrern gesungen wurde, verdeutlicht dies sehr eindrücklich. Der Aufbruch war in der Regel aber auch von einem besonderen Pilgersegen begleitet. Die Pilgertasche und der Pilgerstab wurden nach einem eigenen Formular gesegnet, die für Jakobspilger folgendermaßen lauteten:

Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nimm diese Tasche als Zeichen deiner Pilgerschaft, damit du geläutert und befreit zum Grab des hl. Jakobus gelangen mögest, zu dem du aufbrechen willst, und kehre nach Vollendung deines Weges unversehrt mit Freude zu uns zurück; dies gewähre Gott, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

(Herbers, a.a.O, S.76f.).

Eine entsprechende Segensfomel gibt es für den Stab, der nach zeitgenössischen Erläuterungen auch zur Verteidigung gegen wilde Tiere und andere Gefahren unterwegs dienen sollte.

Auf welchen Wegen waren Pilger aus Deutschland unterwegs? Ob es spezielle Pilgerwege gab, ist eine schon länger als hundert Jahre diskutierte Streitfrage der Wissenschaft. Pilger nutzten sicherlich vielfach die auch von Gesandtschaften und Händlern genutzten Straßen und Wege, so dass eine Erforschung der Altstraßen meist auch zugleich Pilgerwegforschung ist. Ein Pilgerführer aus dem 15. Jahrhundert deutet zumindest an, dass vielfach eine sogenannte „Niederstraße“ die Pilger aus dem Aachener Raum über das heutige Belgien, Paris, Tours, Bordeaux zu den Pyrenäen brachte, die entsprechende „Oberstraße“ von Einsiedeln über die Schweiz, Savoyen, das Rhônetal und Südfrankreich bis ins Armagnac führte. Diese Route verfolgen auch - mit leichten Umstellungen - einige Strophen des Liedes Wer daz elent bawen wel [4].

Vor diesem Hintergrund scheint die Bemerkung des Pilgerführers aus dem 12. Jahrhundert, „Die Burgunder und Deutschen, die über die Straße von Le Puy nach Santiago ziehen“ (Herbers, a.a.O, S.134), fast reine Propaganda zu sein. Und in der Tat, von den vier Pilgerwegen in Frankreich, die dieser Pilgerführer in St-Gilles, Le Puy, Vézelay und Tours beginnen lässt, scheinen die von Le Puy und Vézelay gar nicht so häufig benutzt worden zu sein. Das Ziel des Pilgerführers war vielleicht auch weniger eine Beschreibung existierender Wege als vielmehr Propaganda. Viele der konkurrierenden Heiligtümer in Frankreich, wie das Grab des heiligen Martin in Tours, das Heiligtum der heiligen Fides in Conques und andere Orte wurden so zu Stationen auf einem Weg, der immer letztlich nach Santiago führte. Sie wurden damit in ihrer Eigenständigkeit reduziert. Trotzdem erscheint insbesondere der aquitanische Raum von den Wegen nach Santiago besonders geprägt. Hier existierten - wie in Le Puy - wichtige Marienheiligtümer und so gingen die Verehrung Mariens und des Apostels Jakobus vielfach Hand in Hand. Dabei kam der literarischen und musikalischen Begleitung der Pilgerbewegung zugute, dass Aquitanien das klassische Gebiet der Troubadourlyrik war, das ebenso Themen von Liebe und Leid in entsprechende Formen brachte.

Eindeutiger ist ein Pilgerweg in Nordspanien zu kennzeichnen, der im wesentlichen der alten Römerstraße folgt, aber seit dem 10. Jahrhundert durchaus einige Variationen erfuhr und als sogenannter Frankenweg (camino francés) bezeichnet wird. Die Könige, so schon die navarresischen Herrscher im 10. und 11. Jahrhundert, sicherten den Verlauf, spätere Herrscher sparten nicht mit Privilegien. Aber selbst hier wurde Maria zuweilen zu einer wichtigen Konkurrenz für den Apostel Jakobus. Alfons X., der Weise, gehörte im 13. Jahrhundert selbst zu den Dichtern, deren Lieder auch musikalisch vorgetragen wurden. In den Cantigas de Santa María [15], die sich vielfach auf das Marienheiligtum Vilalcazar de Sirga am Jakobusweg beziehen, thematisierte der dichtende Herrscher auch Wundergeschichten, die früher einmal auf Jakobus bezogen, nun der Gottesmutter zugeschrieben wurden.

Klöster, Könige und weitere Personen förderten aber auch die Infrastruktur am Wege, vom Brücken- und Straßenbau bis hin zur Unterhaltung von Hospizen. Missbräuche im Spital von Burgos, wie sie angeblich im 15. Jahrhundert gegenüber deutschen Pilgern-bis hin zu Vergiftungen - geschehen sein sollen, versuchten Könige selbst abzustellen. Das Lied Wer daz elent bawen wel erzählt in mehreren Strophen davon, wie der König sich im Pilgergewand im Spital selbst umgeschaut habe. Das Wirtshauselend, die betrügerischen Wirte waren jedoch ein Thema, das gleichsam direkt zum Pilgerweg gehörte: Geschichten wie das sogenannten „Hühnerwunder“ in Santo Domingo de la Calzada künden von hinterlistigen Wirten, Gelüsten schöner Wirtshaustöchter. Das Jakobsbuch warnt schon im 12. Jahrhundert vor den üblichen Tricks der Wirte, den Pilgern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Für deutsche Pilger waren aber auch die natürlichen Gefahren entscheidend: die bedrohlichen Passüberquerungen von den Pyrenäen bis zu den Montes de León hebt das Pilgerlied Wer daz elent bawen wel eigens hervor.

Den Zielort dürften Jakobspilger entsprechend mit Erleichterung und Freude erreicht haben: Durch das Nordportal betraten sie die Kathedrale. Mit Musik verbrachten sie zunächst die Nachtwache in der Kathedrale, wie das Jakobsbuch berichtet:

manche singen - von verschiedenen Musikinstrumenten begleitet - wahrend der Nachtwache; manche bedauern ihre Sünden, lesen Psalmen oder geben den Blinden Almosen.

(Herbers, a.a.O, S.73)

Von diesen Gesängen wissen wir wenig, schon eher kennen wir die Lieder, die zumindest wohl zeitweise in die Jakobsliturgie eingegangen sein könnten und die im Jakobsbuch zu finden sind wie Congaudeant catholici [17] und Dum pater familias [18].

Am Zielort ging es um Singen und Hören, um Sehen und Berühren, um Nähe zum Heiligtum, so konnte man Heil und Heilung erlangen. Erst dort erwarben die Pilger auch die bekannte Pilgermuschel, die sie an das Gewand oder den Hut hefteten, als Zeichen der vollzogenen Pilgerschaft. Deutschen Pilgern soll sogar in Compostela eine Krone aufgesetzt worden sein. Im späten Mittelalter gingen manche noch nach Finis Terrae, das Ende der damals bekannten Welt (Wer daz elent bawen wel [16]).

Schon auf dem Rückweg machten die Pilger die Gnaden des Zielortes den entgegenkommenden Reisenden bekannt, verbreiteten den Ruf des Heiligen besonders später an ihrem jeweiligen Heimatort. Fast überall finden sich deshalb auch Spuren des Kultes, die sich aus den Traditionen dieser europäischen Pilgerfahrt speisen: So die Darstellungen der Pilgerkrönung oder die Segnung von Stäben und Taschen. Hierzu gehörte es sicherlich aber auch, Lieder und Gesänge weiterzugeben, von denen nur ein Bruchteil überliefert ist. Der geringste Teil des heute erhaltenen Liedgutes dürfte von Pilgern verfasst und aufgezeichnet worden sein, viel häufiger sind es Lieder und Texte für Pilger oder über Pilger, die aber auch in dieser gebrochenen Perspektive zahlreiche Facetten des europäischen Jakobskultes erkennen lassen.







PILGRIMAGE TO THE SHRINE OF SAINT JAMES THE GREAT
by Klaus Herbers

“... e Ultreia, e suseia, Deus aia nos”, “and forward, and upward, God help us”. The words form part of one of the oldest songs from the twelfth century; its melody is represented by a few neumes and probably originated in Santiago de Compostela, the important place of pilgrimage in the north-west of the Iberian peninsula. This song, Dum pater families [18], also refers, using Germanic forms, to “Herru Sanctiagu” - Sant lago or Saint James. Santiago de Compostela, the supposed burial place of the Apostle James the elder, had at that time already become an important destination for pilgrims from all over Europe. How did it become so significant? How can we imagine the hardships and the joys of the pilgrims and the routes they took in the Middle Ages as borne witness to by their surviving songs? What did Santiago de Compostela mean to them as a place of pilgrimage?


A momentous discovery

A grave was reputedly discovered in the north-west of the Iberian peninsula at the beginning of the ninth century. Led by heavenly signs, the hermit Pelagius found a grave that came to be regarded as that of the Apostle James the elder. It had long been believed that James - as reported in Acts - was beheaded and subsequently buried in Jerusalem in 44 AD. After the Moslem conquest of the Iberian peninsula in 711, however, there were an increasing number of reports to the effect that James had in fact done missionary work on the Iberian peninsula, as is implied later in the song “Dum pater familias”; of the various provinces, James is attributed to Spain (“lacobus Hispanias”). As a result, ever greater numbers of people in the realms of northern Spain which had retained the Christian faith saw the Apostle James as a new figure with whom they could identify. The conviction grew that James had been buried in the province in which he had done his missionary work, his remains having been transported by ship to Galicia in miraculous manner.

Reports of Pelagius's discovery of James's grave spread rapidly in western and central Europe, largely by means of the liturgically important “martyrologies” (lists of martyrs and saints). The graves of saints held the promise of salvation and healing for the faithful in the Middle Ages - redemption from sin and transgression together with deliverance from physical illness. This applied to the burial places of innumerable saints and all the more to the grave of an apostle!

Although the site of James's grave was very remote for most pilgrims, reliable reports of visitors from western and central Europe begin as early as the tenth century and steadily increase after that. Then, at the beginning of the twelfth century, the shrine of St James was given a considerable promotional boost by an extremely ambitious man: Diego Gelmírez, the bishop of Compostela. In a controversial process of ecclesiastical reorganization, he made a political issue of the relics of the apostle and succeeded in being raised to the rank of archbishop. During the same period, a narrative claiming that Charlemagne had been the first visitor to the apostle's shrine gained in currency. Copied a hundredfold during the Middle Ages, it lent a sense of tradition and pan-European relevance to the place of pilgrimage. Ascribed to Archbishop Turpin of Rheims, the narrative forms part of the “Book of St James” (Liber Sancti Jacobi or Codex Calixtinus), an important twelfth-century anthology that includes liturgical sections, stories of miracles and a book describing the routes to Santiago - one of the earliest pilgrims' guide books.


Pilgrimages - pilgrim routes pilgrims' guide books

The remoteness of Compostela for most pilgrims made it particularly important to establish the routes by which they might reach the shrine. This is made clear in Pilgrim's Guide, which forms the fifth part of the Book of St James. The sermons found elsewhere in the book and other attestations are also of assistance to us in reconstructing a pilgrimage from central Europe to Santiago.

Leave-taking and departure necessitated detailed preparations. One of the sermons in the Book of St James notes:

He who sets out for the shrine of St James does so legitimately if, before beginning his journey, he forgives those who have done him an injustice, clears himself as far as possible of all reproaches made of him by others or by his own conscience, obtains legitimate permission from his priests, his subordinates and his wife or whomsoever he is bound to, returns if possible whatever he has unlawfully taken into his possession, settles contentions in the sphere under his control, accepts the repentance of all, leaves his house in good order and, after counselling his relatives and priests, bequeaths his possessions as alms in the event of his death.

(translated from Klaus Herbers Der Jakobsweg, p.84ff)

The perils of the journey generally meant that wills were drawn up, and a number of them have survived.

It was moreover necessary to procure appropriate apparel and accoutrements. These included a hat, cloak, bottle, staff and good boots, as the opening verses of the fifteenth-century song Wer daz elent bawen wel [4] especially emphasize.

Return being uncertain, one had to trust in the will and mercy of God, as is stressed in the song In gotes namen fara wir [2], which seems to have been particularly popular during the Crusades. The departing pilgrim was as a rule also given a special pilgrim's blessing. His bag and staff were blessed using a specific form which, in the case of pilgrims bound for Compostela, was worded as follows:

In the name of our Lord Jesus Christ. Take this bag as a sign of your pilgrimage so that you may reach the shrine of St James for which you are setting off purified and free, and return to us unharmed and happy after completing your journey; may this be granted by God, who lives and rules for ever and ever. Amen.

(Herbers, Jakobsweg, p.76ff)

There was a corresponding blessing there for the staff, which according to contemporary descriptions also served as a defence against wild animals and other dangers on the road.

Which routes did German pilgrims take? Whether special pilgrim routes existed or not has been a matter of scholarly dispute for more than a hundred years. Pilgrims certainly often used the same roads and paths as legations and traders, so that research into the old roads would mostly be the same as research into pilgrim routes. A fifteenth-century pilgrims' guide book at least suggests that a “low road” often brought pilgrims from the Aachen region to the Pyrenees via modern-day Belgium, Paris, Tours and Bordeaux, while a corresponding “high road” starting at Einsiedeln in Switzerland led to Armagnac via Savoy, the Rhône valley and southern France. The latter route is followed - with small deviations - by several verses of the song Wer daz elent bawen wel [4].

Seen against this background, the reference to “the Burgundians and Germans proceeding along the road from Le Puy to Santiago” in a twelfth-century pilgrims' guide book almost seems to have been pure propaganda: (Herbers, Jakobsweg, p.134). Indeed, of the four pilgrim routes in France which that pilgrims' guide book makes begin in Saint-Gilles, Le Puy, Vézelay and Tours, those beginning in Le Puy and Vézelay do not seem to have been used very frequently at all. The book seems to have been written not so much with a view to describing existing routes as to promote certain shrines. In this way, many competing holy places in France, like the grave of St Martin in Tours and the shrine of St Fides in Conques became stations along a route that always finally led to Santiago and to some extent lost independent status as a result. The region of Aquitaine nevertheless seems to have been especially characterized by several routes to Santiago. As in Le Puy, Aquitaine possessed important Marian shrines, so that the adoration of Mary and of the Apostle James often went hand in hand. Here the pilgrim movement also benefited from literary and musical accompaniment, Aquitaine being the classical region of the troubadours, who sang of love and suffering in appropriate forms.

Greater clarity exists in the case of a pilgrim route in northern Spain. Known as the Road of the Franks (camino francés), it essentially followed the old Roman road, although several detours became common in the tenth century. Security was provided as early as the tenth and eleventh centuries by the kings of Navarra, while later rulers were unstinting with privileges. But even here Mary occasionally represented significant competition against the Apostle James. In the thirteenth century Alfonso X (Alfonso the Wise) was himself one of the poets whose songs were sometimes sung. In the Cantigas de Santa María [15], which often refer to the Marian shrine of Vilalcazar de Sirga on the Way of St James, the poet king attributes to the Mother of God miracles earlier accredited to James.

The general infrastructure of the route, including everything from bridge and road building down to the management of so-called hospitals (hostels established to accommodate pilgrims), was in the hands of convents and of local rulers and other influential persons. Kings themselves even tried to put a stop to malpractice of the kind that took place in the hospital at Burgos, where opposition to German pilgrims in the fifteenth century is said to have even led to poisonings. The song Wer daz elent bawen weldevotes several verses to relating how the king himself inspected the hospital, disguised in pilgrim's robes. Woeful stories of conditions at inns and of dishonest innkeepers were part and parcel of the pilgrim route. Tales like that of the “chicken miracle” in Santo Domingo de la Calzada tell of crafty innkeepers and the lust of their beautiful daughters. The Book of St James warned even in the twelfth century of common tricks used by innkeepers who were only interested in relieving the pilgrims of their money.

For German pilgrims, however, the natural dangers along the route were also considerable. The pilgrims' song Wer daz elent bawen wel particularly emphasizes the perilous roads that had to be taken to cross the Pyrenees in order to reach Montes de León.


Pilgrims to the shrine of St James therefore had every reason to feel relief and joy when they eventually reached their destination. After entering the cathedral by the north portal, they began by keeping vigil during the night. As the Book of St James relates: “some sing — accompanied by various musical instruments — during the vigil; some repent their sins, read psalms or give alms to the blind” (Herbers p.73). We know little about those songs. We are better informed about the songs which at least occasionally might have been included in the St James liturgy and which are to be found in the Book of St James like Congaudeant catholici [17] and Dum pater familias [18]. In their quest for salvation and healing, the pilgrims' activities at Compostela embraced singing and listening, seeing and touching, absorbing into themselves as much of the holy place as they possibly could. It was there that pilgrims also bought the famous pilgrim's shell, which they fastened to their robes or hats as a sign of having made a pilgrimage. German pilgrims are even said to have donned a crown in Compostela. In the late Middle Ages some proceeded on to Finis Terrae (Cape Finisterre), the end of the known world as told in the song Wer daz elent bawen wel [16].

Homeward-bound pilgrims spoke of the grace they had experienced to fresh pilgrims they met along the route. Later, at home, they continued to spread the word. Traces of the cult of St James, including representations of pilgrims being crowned or of the blessing of the staffs and bags are therefore to be found almost everywhere. However, another, regrettably more ephemeral aspect of the cult were the poems and songs, of which only a tiny number have survived. The greater part of the surviving song heritage was probably not created by the pilgrims themselves, most of the songs and texts having been written for or about pilgrims. Even in this warped perspective, numerous facets of the pan-European cult of St James are nonetheless discernible.


The ensemble für frühe musik augsburg was founded in 1977. After years of intensive musicological and musical work these musicians now number among the most popular ensembles for medieval music. In addition to disc and radio recordings, numerous concerts throughout Europe and at international festivals were the basis of this reputation. The musicians devote themselves to the music of the Middle Ages and the early Renaissance using an extensive instrumentation reconstructed from contemporary illustrations. The repertoire reaches from songs of the troubadours, trouvères and minnesingers to Oswald von Wolkenstein and from the beginnings of western polyphony to Heinrich Isaac. Currently, recordings with songs of the minnesingers Neidhart von Reuental (1180-1240), Oswald von Wolkenstein (1377- 1445) and the mystic Hildegard von Bingen (1098-1176) are available. But the “ensemble” is not afraid to go beyond the limits of the Middle Ages with songs and dances of Europe around 1500. The bases of the work are musicological studies of the sources, but they can only be one starting-point. The idea of playing music of the past for people of the present in order to fascinate and to fill the audience with enthusiasm through “fantasies on medieval music” (Dieter Kuhn) is placed in the foreground. This concept is confirmed by the great success of the ensemble - a triad of an extended repertoire, a musicological meticulosity and last but not least the courage of “letting a medieval song really swing”.





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